Die Jagd ist eröffnet – JAWs zweites Album steht ab sofort in den Läden. Fiel der ehemalige RBA-Rapper mit dem markanten Riechorgan doch neben üblichem Gebattle und Drogen-Oden eher durch depressive und resignierende Tracks auf, geht es dieses mal spürbar nach vorne. Täter-Opfer-Ausgleich, der Name ist Programm, Hauen statt Jaulen, Beulen statt Heulen – die zwei TOA-Tracks, auf der schicken Hülle dankenswerterweise farbig hervorgehoben, verkörpern diesen Sinneswandel in erschreckend anschaulicher Form. Der Hass von JAW trieft aus jeder Zeile, wenn er seine ehemaligen Peiniger misshandelt und zu Tode quält, es ist schaurig und schockierend. Dabei bleibt er allerdings nicht nur seinem Handwerk treu, sondern schafft es auch mit seinem Stimmeinsatz und zwei atmosphärischen Beats bei jedem erneuten Hören wieder, mir einen Schauer den Rücken runterzujagen, das alles ganz ohne Pathos – Chapeau! „Ich wünschte, ich wäre ein anderer Mensch“ – die Geschichten sind brutal, aber reflektiert.
Dass man JAW aka Doktor Jotta auch anders kennt und mag, wird glücklicherweise berücksichtigt. Mit einer verstellten, noch nölenderen Stimmlage, die ein wenig an die von Vito aus Dendemanns „Ersoichso“ erinnert, rattert er Punchlines runter und holt die albernen Zweckreime raus, die man von ihm erwartet („Du willst mit mir deutsche Comedy gucken? Äääh, ich mach mir grad ‘ne…Sonnenblumkernsuppe“). So geraten die lustigen Tracks Doktor Jotta, Ausreden, Konzeptlos und Jenseits von Gut und Böse (mit einem motivierten Morlockk Dilemma) zu Höhepunkten des Albums. „Dank mangelhafter Eier-Rasur fühl’n sich die Groupiehuren beim Ficken wie in freier Natur“ – okay, alles klar, weiter so. Auch das Musikbiz-kritische Kein Star gefällt, vor allem dank Jottas guter Hookauswahl, die das ganze Album meistens auf ein Level hievt, das die 16er allein nicht schaffen würden.
Die zweite Hälfte des Albums wird dann spürbar ernster. Mit Mach One werden kreativ Selbstmordfantasien ausgelebt, mit Absztrakkt gelingt ein würdiger und nachdenklicher Albumabschluss, gegen den das vorherige Lied Geheilt leider abstinkt. Die Ode an das Antidepressivum Cymbalta wird nie peinlich, das Trauern um die unglückliche Liebe Elena nie pathetisch. An Kurzlebigkeit kranken hingegen Das dreckige Leben und Optimist. Prinzipiell gute Songs, die den gewissen Grundoptimismus des Albums unterstützen, aber einfach nicht auf Dauer zünden wollen.
Technisch kann ihm dafür niemand was vormachen, nicht umsonst wurde damals sein Flow von Kollegah als bester der RBA gewürdigt. Die Beats heben sich vom etwas billigen Gedröhne ab, das den Erstling bestimmt hat und erinnern nirgends an das Synthie-Geklöppel aus dem Kollaboalbum “Menschenfeind”. Dank Eigenproduktionen und Instrumentals von Cheebabeatz, Peet, Nowak und Blazin Hand gelingt eine homogene Mischung zwischen sanft orchestrierten und aggressiv synthetischen Sounds. Das ist eben leider nicht immer das Spannendste und könnte einen den ein oder anderen Song schnell vergessen lassen.
„Bin ich Doktor Jotta, JAW oder Jonas E.?“ Ich kann es nach dem Hören dieses Albums beim besten Wissen nicht beantworten. Albernheiten wechseln sich ab mit Rachefantasien wechseln sich ab mit philosophischen und reflektierenden Liedern wechseln sich ab mit Battletexten. Diese Mischung gelingt zwar außerordentlich gut, ist aber nicht unbedingt immer sehr langlebig. Auf Meine Fans, dem Song mit dem besten Beat des Albums lernt man, dass JAWs Fans unter Anderem unter Brücken leben – nach diesem Album dürfte es dort auf jeden Fall eng werden.





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