
Die Westküste der USA steht seit NWA musikalisch hauptsächlich für harten Gangsterrap. Von Ice Cube bis The Game berichteten die berühmten Söhne von Los Angeles stets von der dunklen Seite des Lebens. Doch seit dem letzten Jahr, zwanzig Jahre nach »Straight Outta Compton«, wandelt sich die Außenwahrnehmung der Westküsten-Metropolis drastisch. Wir fahren mit euch im glänzenden Cadillac durch die strahlende Sonne und stellen die größten Talente des neuen Los Angeles vor.
Kendrick Lamar personifiziert den Wandel am Deutlichsten und mit größtmöglicher Vehemenz. Bereits seine letzte Gratis-LP »O(verly) D(edicated« verkörpert perfekt die Haltung jener Künstler, die sich abseits des Hypes um Odd Future die Aufmerksamkeit der Szene, der Labels und des Fitnessstudio-Fans Dr. Dre erarbeitet haben. Ja, wir kommen von der Straße. Ja, wir haben eklige Sachen getan. Aber eben auch ein Gewissen. Und eigentlich suchen wir doch nach dem gleichen wie ihr: dem Weg in ein dauerhaft glückliches Leben. Auf den Punkt bringt das am Besten Kendrick selbst, wenn er angibt, er sei ein »good kid in a bad environment«. Er wuchs in Compton auf – ein Ort, an dem sich der unmittelbare Kontakt mit Gewalt und Drogen kaum vermeiden lässt. Der heute 23 Jahre alte MC hielt sich trotzdem von Crips und Bloods fern. Der Kopf gehörte der Schule, die Leidenschaft der Musik. Seine Texte spiegeln genau das wieder. Kendrick Lamar erzählt ungefähr so leidenschaftlich, bildlich und lyrisch wie der junge Nas – ohne dabei je den Klugscheißer raushängen zu lassen. Er ist schon jetzt im Westen lyrisch beinahe konkurrenzlos gut. Seine Musik bewahrt sich die sonnige Leichtigkeit Kaliforniens, lässt aber auch Einflüsse aus dem Rest der USA zu. Seinaktuelles, nennen wir es Album, »#Section80« war wie ein kleines Erdbeben für die Szene und vergrößerte seine Fanbase wesentlich. Wie zu erwarten lieferte der Black Hippy (so der Name seine Crew) nicht weniger als eines der Highlights der Spielzeit 2011.
Wir rollen weiter, direkt auf den Crenshaw Boulevard und nach Leimert Park. Viele bezeichnen das künstlerisch-alternative Viertel als das kulturelle Zentrum der afroamerikanischen Community von Los Angeles. Dom Kennedy nennt es seine Heimat. Er ist 26 Jahre alt, teilt mit seinen jungen Kollegen Arbeits-Ethos und Attitüde, huldigt in seiner Musik aber mit Vorliebe der eigenen Coolness. Wenn Kendrick Lamar den Erste-Reihe-Streber der Klasse verkörpert, dann ist Dom der Weiberheld aus der letzten Reihe, den du nie mochtest, aber heimlich immer bewundert hast. Dem unverhohlen zelebrierten Materialismus zum Trotz verbiegt er sich keinen Deut für die Musikindustrie. Warum auch, wenn man auch ohne klassische Vertriebskanäle die teuren Jeans aus Japan und die neuesten, limitierten Nikes bezahlen kann?
Ebenfalls aus Leimert Park stammt Co$$. Die dunklen Straßen-Ecken seiner Heimat kennt er in- und auswendig. Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde hat er auf sein sozialkritisches Gewissen gehört möchte jetzt etwas Positives vollbringen. Für sich und für seine Hörer. Bisher kennen nur Rap-Nerds seinen Namen, sein Album-Debüt »Before I Awoke« gehört aber trotzdem auf jeden iPod. Sein Beat-Geschmack oszilliert geschmackssicher zwischen DJ Quik und J Dilla, seine Lyrics zwischen Melancholie und Zuversicht.
http://www.youtube.com/watch?v=V3iiryctv_Y
Die Sonne verschwindet so langsam im Pazifik, höchste Zeit Casey Veggies kennenzulernen. Obwohl er gerade erst die High School beendet hat, blickt er bereits jetzt auf ein hervorragendes Mixtape zurück (»Sleepin in Class«). Er und sein Umfeld gaben sich den Namen »Peas & Carrots«. Kein Bekenntnis zu Bio-Gemüse, viel mehr die Verbildlichung der eigenen Lebensvorstellung. Organisch wachsen soll die Karriere – nicht die Möhre.
Wir stellen den Wagen in der Garage ab. Auf einmal sitzen wir wieder vor dem heimischen Macbook. Fest steht trotzdem: Los Angeles ist momentan die spannendste Stadt der Welt. Unendlich viele weitere Talente stehen bereits in den Startlöchern. Neben der gemeinsamen Heimat teilen Kendrick, Dom, Casey und Co$$ auch eine sympathische DIY-Einstellung, eine musikalische Unverkrampftheit und die reflektierte Betrachtung ihres direkten Umfelds. Von kultureller Endzeitstimmung keine Spur. Zumindest in Kalifornien ist HipHop so lebendig und gut wie nie zuvor.
Text: Sascha Ehlert
Dieser Artikel ist im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der Musik-Zeitschrift unclesally*s bereits (Ausgabe #168) abgedruckt worden. Unsere Autoren schreiben auch weiterhin für jede Ausgabe der Zeitschrift über ausgewählte Themen aus dem HipHop-Kosmos. Die unclesally*s erscheint monatlich und ist in ganz Deutschland kostenlos erhältlich.




Danke für den Ausflug
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