Die Alleshörer sind da – und nun? [Kolumne]

Beim letzen Mal habe ich davon gesprochen, dass Deutschrap momentan verspricht, groß zu werden und so nach und nach auch die umliegenden Genres für sich begeistern kann.
Im gleichen Atemzug habe ich uns alle dazu aufgefordert, betreffenden Künstlern eben diesen Erfolg auch zu gönnen.

Doch ich weiß, dass sich das manchmal gar nicht so leicht in die Tat umsetzen lässt.
Wir sind halt doch irgendwie alle Untergrund-Schweine. Spätestens seitdem Wu Tang Clan und dessen 234520 Untergruppen gehört es zum guten Ton, dass man sich seine “eigene” Untergruppe, seinen “eigenen” Lieblingsrapper sucht- den sonst niemand kennt. Oder denken wir an den legendären “Royal Bunker”. Als ein gewisser Prinz Porno auf einem der Tape Veröffentlichung aus dem Bunker Umfeld “Ich bin ein Cyborg” rappte, steppte er in das Blickfeld vieler Rapfans- und bliebt dort bis heute präsent. Kurzum: es gibt  nichts Schöneres, als gelegentlich mit ein paar – dem Rest der Runde gänzlich unbekannten – Namen um sich zu werfen und sich dann bewundernde Blicke der anderen einzubilden. Es gibt nichts Schöneres, als sich seinen eigenen Rapper zu “adoptieren”.

Aber das scheint nun Geschichte zu sein.
Im letzten Jahr konnte sich kaum einer merken, wie der Typ heißt, dessen „Erst wenn MTV wieder Musik spielt!“-Shirt ich da trage und ich fand mich ziemlich gut dabei.
Nun muss ich lernen, damit umzugehen, dass nahezu jeder Mitmensch mit einem halbwegs ausgeprägten Gespür für gute Musik zur „Autobahn zur Hölle“-Tour von Kraftklub geht.
Menschen, die erst kürzlich Musik von Kollegah mit „prollige Sexisten-Scheiße“ betitelten, bringen nun den Satz „Ich hör gerne Hip Hop – aber halt intelligenten.“ hervor.

Wie gesagt: Rap kehrt in den Mainstream zurück und wir alteingesessenen Fans finden uns nun beim Konzert neben dem Gesandten des Teufels auf Erden wieder: dem selbsternannten „Alleshörer“.

An dieser Stelle wird wohl ganz Hip-Hop-Deutschland verschreckt zusammenzucken.

Ein Otto-Normal-Rapfan, wie ich es bin, findet sich also nun vor einer ganz schönen Aufgabe wieder.
Erst kürzlich kam ein Bekannter zu mir und fragte „Ich kenn da so einen, Maeckes, ich glaube der wär’ was für dich, du stehst doch auf so deutschen Hip Hop.“
Es kostete mich alle Kraft, einen mittleren Ausraster zu unterdrücken, die Zähne zusammenzubeißen und freundlich zu erwidern, dass ich diesen ominösen Maeckes durchaus kennen würde, aber es wirklich nett sei, dass besagter Bekannter an mich gedacht habe.

Bleibt die Frage, wie Menschen wie mein Bekannter reagieren werden, sollten sie sich – ganz angetan von Hip Hop 3.0 – entschließen, tiefer in dieses Genre vorzudringen. Denn dann sehen sie sich plötzlich mit ein paar der letzten aufrechten Acts, die noch im “Untergrund” (wenn es den dann denn noch gibt) agieren konfrontiert.

Nun, entweder adoptieren sie dann den Retrogott und Hulk Hodn, Hiob, Audio88 und Morlock Dilemma (!) gleich auch noch. Vielleicht haben wir “echten” Rapfans möglicherweise auch genau hier unsere letzte Underground-Nische gefunden? Der VIP-Bereich in der Disko Deutschrap – Zutritt nur für geladene Gäste? Aber wollen wir das wirklich?

Was immer auch passieren wird: Wir müssen wohl lernen, unser geliebtes Genre mit den neu hinzugewonnenen Fans zu teilen und uns zukünftig zur Freude “zwingen”, dass wir nicht länger mit verständnislosen Blicken rechnen dürfen, wenn wir unser Freitagabend Programm mit „Ich geh zum Marteria Konzert.“ benennen.
Denn wie gesagt, das sind wir ihnen fraglos allen schuldig, den Marterias, Kraftklubs, Orsons und Caspers dieser Welt.

Und für den Fall, dass man doch hin und wieder einen kleinen Mainstream-Koller erleiden sollte – ich habe ein recht wirksames Mittel gefunden, den frisch gebackenen „Xoxo“-Fan doch etwas zu triezen: Sollte dieser nämlich auch mal nach ein paar älteren Sachen von Casper fragen, einfach schweigen, derjenigen Person wortlos „Die Welt hört mich“ hinüberreichen, zurücklehnen und sich mit größtem Genuss ihr Gesicht vorstellen, wenn unser Lieblingsrapper mit „Ich bums stets deine Schnitte/drum steht deine Clique/weil die Braut öfter rum geht als eine Grippe/…“ los legt. Herrlich!

Kategorien: Kolumne, Mixtape, Musik, News

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