Viel Lärm um nichts – Deutschrap im TV [Kolumne]

Wir haben es bereits zu Genüge hier diskutiert: Deutschrap ist gerade wieder stark im Kommen, ein Hype jagt den nächsten. „Super!“, denken wir Rap-Fans uns da. „Endlich vorbei mit ZDF-Diskussionsrunden zum Arsch-Fick-Song und RTL-Reportagen über Bushido und wie er unsere Jugend verdirbt. Rap darf sein Ghetto verlassen!“ Ein Satz mit X, das war wohl nix.

Erst kürzlich luden sich die Öffentlich-rechtlichen mit Lady Bitch Ray und Kitty Kat mal wieder zwei Vertreterinnen unserer Szene in ihre Polit-Talk-Shows ein. Um Sexualität und Jugendsprache ging es bei Sandra Maischberger und Markus Lanz – worum auch sonst?
Als ob es im Hip Hop um mehr gehen würde. Also bitte, das Thema hatten wir ja nun schon zu Genüge. Zwar kam man sowohl im ersten als auch im zweiten deutschen Fernsehen irgendwann zu dem Schluss, dass diese Form von Rap einfach Jugendkultur ist und man uns diese Späßchen doch bitte lassen soll, wir vom Splash! Mag fragen uns allerdings: Warum dann das Ganze? Warum mussten sich die zwei Damen überhaupt dorthin setzen und sich für ihre Kunst rechtfertigen? Warum hat Hip Hop immer noch einen so schlechten Ruf?

Sexismus, fehlende Inhalte, Verlust von Moral, schlechte Vorbilder, Verhunzung deutscher Sprache,… man wirft unserem Genre vieles vor. Klar, es gab Zeiten, in denen in einem anständigen Rap-Video ein Haufen leicht bekleideter Frauen nicht fehlen durfte. Und dass es bei einem ordentlichen Battle-Track mindestens einmal der Mutter Schrägstrich Freundin des Gegenübers verbal besorgt werden muss steht auch außer Frage. Verständlich, dass das Außenstehenden durchaus befremdlich erscheinen mag. Aber warum bei dem Thema sowohl das ZDF- als auch RTL-Publikum den Moralapostel in sich entdeckt und energisch auf die Barrikaden klettert, anstatt sich mal hinzusetzen und versuchen zu verstehen, was da gerade mit ihrer Jugend passiert, ist mir ein Rätsel.

Fakt ist doch, dass es sich bei Straßen-, Gangster- oder wie man ihn auch immer nennen möchte –Rap um eine Kunstform handelt. Hinter einer kreativen „Fick deine Mutter“-Punchline steckt unter Umstäünden die gleiche Portion Arbeit, die ein Maler täglich in sein Gemälde investiert. Doch wenn eben dieser Maler in seinem Werk eine nackte Frau abbildet, möglicherweise noch in einer Pose, die sie dem Mann unterlegen dar stellt, stellt der gebildete Deutsche sich mit anerkennender Miene vor das Bild und murmelt etwas von bemerkenswerter Gesellschaftskritik. Doch hört eben dieser Mensch „Bitchfresse (LMS)“ von Kitty Kat zeigt er sich empört und besorgt um die junge Hörerschaft, die den Text sicher wörtlich verstehen und direkt in die Tat umsetzen wird. Moralisch top verhalten leicht gemacht.

Als es bei Markus Lanz auf dem Sofa um die ab und zu sehr direkte Sprache im deutschsprachigen Hip Hop ging, sagte Kitty Kat irgendwann: „Das ist auch manchmal einfach lustig, warum muss man das denn immer so ernst nehmen?“. Eben.
Diejenigen, die an dieser Stelle verständnislos den Kopf schütteln, waren es doch eigentlich, die Sexualität damals mit aller Kraft aus der Tabu-Ecke gezerrt und im Fokus der Öffentlichkeit platziert haben. Wir sind die Generation, der anschließend Selbstverständlichkeit im Umgang mit Sex eingeprügelt wurde, die im Kindergarten „Peter, Ida, Minimum“ lesen musste. Erscheint es da nicht einfach logisch, dass es unsere Musik ist, die dieses Thema vollends ausreizt, es überspitzt und übertreibt, dass wir diese (um es mal im Pädagogen-Deutsch auszusprechen) „überdurchschnittlich sexualisierte Sprache“ zur Kunstform machen? Mal abgesehen davon scheinen werte Damen und Herren beizeiten zu vergessen, dass nicht jedes Mal, wenn es in einem Track um Sex geht im gleichen Zug eine Frau diskriminiert wird. „Sex ist super.“ ungleich „Vergewaltigung ist super.“. Einfache Formel.

Und überhaupt, die Sache mit dem Sexismus hatten wir hier ja auch schon mal.

Warum fällt es den Medien also so schwer, Rap als ebendies zu akzeptieren?
Als Ausdrucksweise einer Generation. Als Kunst, die übertrieben und ohne Blatt vorm Mund, aber gerade dadurch auch so unterhaltsam ist. Mit Begeisterung kritisieren RTL-Reporter fundamentalistische Glaubensgemeinschaften, die die Bibel oder den Koran wortwörtlich verstehen. Und sind gleichzeitig völlig blind für die Ironie in Sidos „Arsch Fick Song“.

Ist es die Unfähigkeit, ebensolche Ironie zu erkennen, die Deutschrap so schlecht dastehen lässt? Oder es schlichtweg der fehlende Wille, Rap wirklich zu verstehen? Zu Recht stellte Lanz irgendwann die Frage nach der Henne und dem Ei. Geht es nach den Massenmedien, war alles gut, bevor Aggro Berlin kam und die Jugend zu Gangbang, Goldketten und Assi-Slang anstiftete. Unsere Alternative, Deutschrap als Produkt einer bereits da gewesenen Lebensrealität, die sich eben mit dieser Art von Musik identifizieren kann, findet man wohl eher unpassend. Irgendwie passt Version Nummer 1 ja auch ganz gut zum publizierten Bild der ohnehin verhunzten Jugend. Praktisch, dass Kitty Kat und ihre Kumpel nun noch den passenden Soundtrack liefern.

Die Erklärung für dieses Phänomen ist wohl eine Mischung aus allem. Deutsches Meckertum, Ignoranz, eine Mischung aus Kleingeist und Stammtisch und eine Gesellschaft, die vielleicht doch noch etwas prüder ist, als sie zugeben möchte. Bleibt zu hoffen, dass Menschen wie der Autor Sven Kuntze oder auch Super-Aufklärer Oswald Kolle Vorreiter einiger neuer Erkenntnisse auf diesem Gebiet sind.

Beide äußerten sich gegenüber besagten Rapperinnen wohlwollend über dieses neue, ehrliche Verständnis von Sexualität, Kunst etc. Sie scheinen Deutschrap als außergewöhnliche, aber harmlose Ausdrucksform einer Generation erkannt zu haben.

Wer weiß, vielleicht ist das nur der Anfang einer neuen breiten Wahrnehmung von Rap?
Fast zu schön, um wahr zu sein…

Autor: Marie

Kategorien: Kolumne

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