Vom Gangster- zum “Bürgertum”-Rap? [Kolumne]

Man, was freuen wir uns. Künstler wie Casper und Marteria erhalten endlich die verdiente Aufmerksamkeit, gehen in die Charts und spielen ausverkaufte Touren. Hip-Hop scheint bei den Mainstream-Medien immer salonfähiger zu werden. Casper tritt auf bei “Inas Nacht”, Marteria wird von seriösen Massenmedien hochgradig gelobt. Langsam fangen auch diese an zu verstehen, dass Hip-Hop nicht nur aus “bösem” Gangster-Rap besteht, der unsere Jugend verdirbt.

Die zwei Erfolgreichsten in dieser Gangsterrap-Sparte, Sido und Bushido, hatten einen jahrelangen Streit, der ihnen aber auch durch die Aufmerksamkeit der Medien damals zugute kam. Nun versöhnt man sich aber und sorgt wofür? Genau, wieder für Aufmerksamkeit. Ein schlauer Schachzug. Und da war klar, dass man sich mit seinem größten und mittlerweile einzig kommerziell nennenswerten Konkurrenten verbünden muss. Theoretisch gesehen ebenfalls ein schlauer Schachzug. Alleine verkaufen beide schon sehr gut, jetzt wo sie sich zusammentun, können sich Fans beider Künstler zu einer “Super-Kaufkraft-Nova” verbinden um alle Konkurrenten zu schlucken. Man war sich seiner Sache sicher. Vielleicht zu sicher? Jedenfalls blähten sich Sido und Bushido oder besser gesagt “23” in Interviews und Pressekonferenzen bis zur übersteigerten Arroganz auf. Eine Supernova bedeutet aber auch den Tod eines Sterns.

Platz 3 wurde es in der ersten Woche. Klar, die Woche war hart. Udo Lindenberg und Helene Fischer sind schwer kleinzukriegen. Für ein Solo-Bushido oder Sido-Album wäre es auch zufriedenstellend. Aber das wurde doch angekündigt als das “Megaprojekt 2011.” Man wollte doch die Kräfte beider addieren. Selbstverständlich ist es kein totaler Flop und es könnte trotzdem auch das meistverkaufte Deutschrap-Album dieses Jahr werden. Aber ein Album von Bushido mit Deutschrap-Maßstäben zu messen, greift Welten zu kurz. Warum blieb die fest eingeplante Eins aus? Was ist passiert? Kaufen die Fans den beiden erfolgreichsten Deutschen Rappern der Gegenwart die Versöhnung wortwörtlich nicht ab? Ist Krieg doch besser als Frieden? Oder liegt es tatsächlich an der teils langweiligen, uninspirierten Musik?

Oder stirbt Gangster-Rap jetzt langsam aus und wird ersetzt durch den sogenannten “Bürgertum”-Rap a la Casper und Marteria? Vor zehn Jahren wurden die “Spaßrapper” von den Aggro-Jungs scheinbar abgelöst. Nun scheinen sie langsam selbst wieder abgelöst zu werden. Ein Teufelskreis also? Ich sage nein. Wir haben frische, hungrige Newcomer, die diese Schiene fahren und es auch noch authentisch rüberbringen (Fard, Nate 57). Ich sage: nein, die Straße ist nicht tot. Deutschrap ist viel mehr an einem neuen Höhepunkt angekommen. Denn momentan können so viele verschiedene Rap-Stile nebeneinander, auch in den Charts, existieren. Casper geht in die Top Ten, genauso wie Kollegah, aber auch die “alten Hasen” sind immer noch in den Charts vertreten. Das ist, wie ich finde, was sehr Gutes für Rap allgemein. Man muss nicht alle Künstler feiern, aber, dass die Szene toleranter geworden ist und sich mehr traut, ist ein wichtiger Schritt. Ich korrigiere mich, das ist DER wichtigste Schritt, den Deutschrap jemals tun konnte. Natürlich bedeutet Facettenreichtum auch das Ende der Community, aber das Thema ist sowieso schon lange durch. Es reicht halt doch nicht mehr aus, nur richtig Business zu machen, um Gold in der ersten Woche zu scheffeln. Die Musik ist wieder Hauptaugenmerk. Genauso soll es sein.

Kategorien: Kolumne

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