
Wir schreiben das Jahr 2006. Ein Typ, dem ein oder anderen von euch wird er ein Begriff sein, namens Nas veröffentlicht ein Rap-Album. Er ist also Rapper, hat schon paar Jährchen auf dem Buckel und wir wissen: Rapper provozieren viel und gerne. Vor allem, wenn sie ein Album zu promoten haben. Vielleicht hat Nas auch eine Agentur angeheuert, die sich was überlegen sollte. Wir wissen es nicht. Jedenfalls entscheidet sich Nas gegen das herkömmliche Beef-Drogen-Frauen-Modell (der Beef mit Jay-Z war ja lang, spektakulär genug und nicht zu toppen) und wählt dafür eine weniger geläufige Variante: den mehr oder weniger provokativer Album-Titel. „Hip Hop is dead“ heißt das gute Stück, genauso wie die erste Single-Auskopplung. Rap-Musik soll den Löffel abgegeben haben. Macht Sinn, wenn man von einer Kunstform und dem Sprachrohr der Jugend spricht. Wie Vergleich: das ist so wie wenn ein Fussballspieler vor dem WM-Finale sagen würde: Fussball ist tot, oder wenn ein Maler vor seiner Ausstellung sagt: Malen ist tot. Egal. So oder so steht fest: da hat der Nasir sich aber was getraut.
Ich höre den Jubelschrei, der damals durch die internationalen Feuilleton-, Musik- und Wir-labern-gern-reißerischen-Mist-Redaktionen gegangen sein muss, noch immer durch die Gassen und Hinterhöfe von HipHop-Hausen hallen.
Zum Hintergrund: Nas wollte damit auf etwas dramatische Weise damalige musikalische Entwicklungen im amerikanischen Rap anprangern, außerdem fürchtete er einen Werteverfall. Ein „Ich habe die Befürchtung, dass Hip Hop in seiner jetzigen Form, mit den Eigenschaften, die wir so an ihm wertschätzen, bald nicht mehr existieren könnte.“ gibt seine Aussageabsicht wohl etwas präziser wieder. Aber gut, wer nennt so schon sein Album. Es muss provokant, verkürzt und zugespitzt sein.
Dennoch hätte sich der ein oder andere Mainstreammedienmensch ja mal ein Sekündchen Zeit nehmen können, um sich zu informieren, was mit Longplayer und Single gesagt werden sollte.
Erfahrungsgemäß wissen wir jedoch, dass sich diese Mühe selten gemacht wird, sobald eine CD ihren Platz im Media Markt unter dem Schild „Hip Hop/Rap“ findet.
Das erklärt auch den erwähnten Jubelschrei. Zwar war dieses Gangsterrapding damals noch im vollen Gange und bot so eigentlich jede Menge Aufreger-Material, doch nun gab es sogar eine Alternative zum gängigen Leitsatz für Hip Hop Berichterstattungen:
Konnte bisher nur leidenschaftlich die These „Hip Hop ist der Teufel“ bestätigt werden, konnte man nun auch darauf herumreiten, dass diese Musik total irrelevant und am Ende ist. Ich werde mich an dieser Stelle nicht über den offensichtlichen Widerspruch beider Vorurteile aufregen, damit war leider zu rechnen.
Und natürlich wusste Nas das. Als er sich für diese Aussage entschied, wollte er zwar ein bisschen mehr aussagen, als dass er ein cooler Typ ist, die von der Öffentlichkeit erhoffte Reaktion war jedoch nur geringfügig anderer Natur als zum Beispiel die eines Nellys mit einem Song wie „Tip Drill“. Und wieder einmal möchte kaum einer das Stilmittel der Übertreibung erkannt haben. Davon, dass man den Künstlern den größtmöglichsten Gefallen tut, indem man auf ihre Provokation reagiert, ganz zu schweigen.
Marteria – zu zweit allein – MyVideo
Wir halten also fest: Die „Hip Hop ist tot“ Line erfüllt für den Mainstream den gleichen Zweck wie eine ganz fiese Zeile über Kokain und Prostituierte.
Und genau wie beim Thema jugendgefährdende Texte schaffte auch hier niemand so recht den Absprung, selbst gefühlte Ewigkeiten später hängen Journalisten sich noch liebend gern an diesem Sprüchlein auf – und noch schlimmer: halb HipHop-Hausen hängt sich in Tracks, Interviews und hast du nicht gesehen an diesem blöden Spruch auf. Wie oft Rapper mittlerweile widerlegt haben, dass HipHop ja doch nicht tot ist.
Auf der anderen Seite gibt es gerade in modernen Produzentenkreisen einen HipHop-Ekel. Der munter samplende Dubstep-Flächen-Wonky-Produzent im Wollschälchen sieht sich eben als Künstler und nicht auf einer Ebene mit den Prolls. Die Vielfalt und Integrationsfähigkeit von Rapmusik wird gerne vergessen und munter neue absurde Musikrichtungen kreiert. Gähn.
Zumindest in den Medien hat sich die Nummer aber ganz wundervoll weiterentwickelt. Denn mittlerweile hat sich das Ergebnis, zu dem die Herren Schreibernlinge jedes Mal einstimmig zu kommen scheinen, geändert: Wurde früher munter nachgeplappert, wie vorbei es mit dem Rap ist, hält man es neuerdings ähnlich wie mit der „Alle Rapper sind böse“-Vermutung: Man stellt überrascht fest, dass dies nicht der Fall ist. Trommelwirbel, Tusch: So tot ist Hip Hop ja gar nicht. Es gibt 1-2 Ausnahmen. Applaus und Standing Ovations.
Auf eine Anmerkung, wie lebendig und florierend die Rap-Szene tatsächlich ist, wird zwar in der Regel verzichtet, aber auf ein derartiges Zugeständnis können wir wahrscheinlich auch noch ein bisschen warten.
Nas freut sich vermutlich bis heute über die Diskussion, die seine Veröffentlichung ausgelöst hat, für uns Rapfans ist es ein weiteres nerviges Vorurteil, mit dem es (eher aussichtslos) zu kämpfen gilt.




und jetzt?
“Nas hat gesagt, dass Hip Hop tot ist … das war er schon bei seinem Track mit Jennifer Lopez.”